Svein Knudsen trifft Heinz-Otto Kamphues

Das Treffen zwischen zwei Natur- und Landartkünstlern






Es war tropische Hitze an der dänischen Küste diesen Tag als ich von Norwegen zurückkehrte um Dokumentationen und Fotos von meinen neulich abgeschlossenen Steinskulpturen-Projekt der Kommune Hanstholm überbringen wollte.
Eine Woche vorher hatte ich in Hanstholm, fünf 2-2,5 m hohe Steinmenschen auf einer Anhöhe hinter dem Hafen aufgestellt.
Zu dieser Zeit waren die Temperaturen nicht tropisch und ich erinnerte mich, als die ersten Steinmenschen aufgestellt waren und zum Meer schauten, dass eine ergreifende Nachricht uns übermittelt wurde – es sei ein Wal am Ufer gestrandet.

Die Hitze brachte mich diesmal direkt zum Ufer denn eine Abkühlung war vonnöten. Außerdem lockte der Wal, hatte ich doch durch ein Telefonat erfahren, dass der deutsche Künstler Heinz-Otto Kamphues eine Installation im Rahmen der Nordatlantischen Kulturtage mit dem Wal erstellen wollte.
Mich zog es in Richtung Wal zum Meer. Von weitem sah ich ihn am Ufer liegen – er war also noch vorhanden – ich sah aber auch ein Mann, der mit etwas arbeitete. Ich wurde neugierig und als ich in der Nähe war, entdeckte ich Teile von einem Zirkel von weißen Kalksteinen um den Wal.

Dann stand ich diesen Mann gegenüber und wir stellten uns gegenseitig vor. Plötzlich waren wir vertieft in ein Gespräch über Kunst.
Zu dieser Zeit wusste ich nicht, dass das für mich der Beginn einer 4-tägigen beeindruckenden Begegnung mit einem Künstler und seiner Kunst-Aktion wurde.
Hatte Otto mich doch bei diesem Gespräch in wenigen Minuten fasziniert. Was hatte er bei mir ausgelöst, dass ich ihm meine Hilfe angeboten habe?
Ich sagte: "dass ich Tonnen von Steine getragen hätte und das ich gerne mithelfen würde".
Mit Freude nahm er dieses Angebot an und da er durch mein Gespräch erfahren hatte, dass ich noch eine Schlafstelle suchte, bot er mir diese an. Otto hatte mit seiner dänischen Freundin Inge, unweit von Hanstholm in Klitmoller, auf einen Campingplatz – abseits vom Trubel des Kulturfestes – ein Domizil der Ruhe für einige Tage gemietet. Ein großer Wohnwagen, mit 2 Schlafräume und ein Wohnraum, war ab jetzt auch meine Unterkunft.

In den nächsten Tagen trugen wir Steine über Steine von der Umgebung und bauten sie nach sorgfältiger Prüfung um den Wal. Sprachen zwischendurch, am meistens über Kunst, Natur, Umwelt und Gefühle. Wir schwitzten, tranken Wasser und kühlten uns immer wieder im Meer ab. Inge verpflegte uns zwischendurch und brachte uns kalte Getränke. Wir waren ein Gespann.
Mehr und mehr verstand ich, dass der tote Wal viel für Otto bedeutete. Symbol von Leben und Tod. Das Bauen von einem Denkmal oder Sarkophag war mehr als ein Kunstprozess.

Inzwischen erzählte er von seinen Umweltschutzengagement, seiner Teilnahme an Expeditionen in den verschiedensten Winkel der Erde und schnitt immer wieder die Begegnung mit dem Tod an. Ob es das grausame Abschlachten von Tierarten war oder tragischen persönlichen Fälle in den letzten Jahren, all diese Begegnungen haben diesen kraftvollen Menschen geformt.
Langsam wurde der Wal von etwas Schönen umkreist. Wir sprachen über das Schöne im Leben, über Ästhetik und die bedrohte Welt.
Otto betrachtete den Wal als ein "Geschenk des Himmels".
Sensibel und mit Fingerspitzengefühl entwickelte er eine Installation die er "Walhall" nannte. Er sagte: "ich werde hier in Hanstholm den ersten Wallfahrtsort der Welt schaffen".

Ich spürte, dass er hier sein ganzes Leben mit all seinen Erfahrungen verarbeitete. Er berücksichtigte und achtete auf alles, dieses kam immer wieder bei unseren Gesprächen ans Tageslicht. So machte er sich immer wieder Gedanken über die Weite des Landes, das Meer mit dem Horizont, den Himmel mit der Sonne oder den Wolken, die Umgebung mit den weißen Kalksteinen und sein „Geschenk des Himmels“ das tote Tier. Er sprach über Fangquoten und über das abschlachten von Tieren aus ökonomischen Interessen.

Otto muss all dieses komprimiert haben. Es war eine Auseinandersetzung und ein Kampf innerlich sowohl mit den Steinen und dem Tier, welches er grandios, "nur" mit Steinen bewältigt hat. Ich kann es in Worten nicht fassen, jedoch kann ich sagen, dass ich sowie die Besucher, für Minuten sprachlos waren. Man wurde – zu jeder Tageszeit – ganz tief im Inneren angesprochen, so dass einem der Atem stockte.

Ich denke an den ersten Abend, als wir im Wohnwagen waren und ich seine Texte bewunderte, an einem Satz den er mir sagte: "Meine Werke sind schwer zu erklären aber einfach tief im Inneren zu spüren".

Ja, er hatte recht mit diesem Satz, ich habe es erlebt und gespürt und denke immer noch daran.


Wir haben uns noch lange unterhalten und ich erzählte von meinem Engagement im Umweltministerium in Norwegen und über mein Verhältnis zu Mineralien und Stein – die beständige Substanz die von Naturkräften in einem ewigen Umformungsprozess eine Art von Leben hat. Ich sah die Verbindung zwischen den Hundertmillionen Jahren alten Kalktieren und Fossilien und den Kalksteinen mit denen wir zusammen Kunst schöpften.


Svein Knudsen
Oslo/Norwegen


verwester Schatten
im Kreislauf des Blutes
Lichter weckt